Bildungsfern in den Lockdown

Eine Lehrerin berichtet von den Herausforderungen im Schulalltag

Nun ist es wieder passiert – Teile unseres Landes wurden in den Lockdown geschickt – und dies nur, weil einige wenige unter uns es nicht verstehen, oder verstehen wollen, was es bedeutet, die Corona-Regeln zu beachten und ihr Leben entsprechend einzurichten. Schulen und Kitas bleiben dieses Mal, vorerst, vom erneuten Lockdown ausgenommen. „Zum Glück“, werden die einen sagen, „Oh Gott!“, die anderen.

Erinnern wir uns doch mal an März: Lockdown nahezu des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Restaurants, Kinos, Museen, Opern- und Theaterhäuser – zu; Schulen und Kitas geschlossen, Eltern verzweifelt, Großeltern isoliert, Kinder zu Hause auf Nachricht aus der Schule wartend… oder eben auch nicht – Schule sei doch zu.

Das Wort „bildungsfern“ begegnete mir erstmalig bewusst vor ca. 20 Jahren. Ich registrierte es, dachte: „aha, fern von Bildung“, und dann suchte es sich einen Platz irgendwo weit in meinem Hinterkopf.

Vor etwa fünf Jahren schlich sich dieses Wort hin und wieder, immer öfter in den vorderen Bereich meines Gedächtnisses, grub sich zunehmend heraus aus dessen Tiefen, eifrig bemüht, sich am neuen Platz dauerhaft festzusetzen.

Im Duden wird der Begriff „bildungsfern“ als „nicht auf Bildung hin ausgerichtet, nicht an Bildung interessiert“ beschrieben. Es wird viel über sogenannte bildungsferne Elternhäuser, ja ganzer Bevölkerungsgruppen geschrieben. Uns – den vermeintlich so Gebildeten – erscheint diese Bezeichnung im Grunde klar. Doch was hießt es konkret für die Kinder, die aus solchen Elternhäusern kommen und von jetzt auf gleich in den Lockdown geschickt wurden?

Dass die Schule geschlossen wurde, bedeutete für einige tatsächlich auch Schule zu, nichts läuft mehr, ich habe frei und vorgezogene Ferien. Wie waren sie allerdings erstaunt, als dann in dieser schönen „freien“ Zeit das Telefon klingelte und die Lehrerin sich nach ihrem Befinden erkundigte und welche Aufgaben von der Homepage der Schule denn schon so erledigt worden seien. Totenstille als Antwort, dann entsetztes Fragen nach dem Wieso und Weshalb, wie sie, die Lehrerin, denn darauf käme, die Schule sei doch zu. Die Totenstille allerdings nur von diesem einen sich am Telefon befindendem Schüler. Im Hintergrund war ein laut plärrender Fernseher oder eine Spielekonsole zu hören, gefühlt zehn Kinder tobten und schrien, als wäre es Halloween, von den Eltern kein Mucks zu hören.

Online Schooling begann vorsichtig damit, den Schülerinnen und Schülern (im Folgenden SuS genannt) sowie Eltern telefonisch zu erklären, dass man zunächst ihre E-Mail-Adressen bräuchte, um ihnen auf diesem Wege Aufgaben und Arbeitsaufträge schicken zu können. Zusätzlich sollten sie regelmäßig auf die Homepage der Schule schauen, um sich auch von dort mit Lernmaterial zu versorgen.

Kein Problem, dachte ich, schließlich hätten sie ja schon ein wenig Informatikunterricht, hätten bereits eigene E-Mail-Adressen angelegt und mit der Homepage wüssten sie auch umzugehen. Nach und nach, trudelten die ersten E-Mail-Adressen ein, bei denen man unter anderem „Istanbulhero23“ oder „Cinderella08“ lesen konnte. Einige machten es sich einfach und nahmen die Adressen ihrer Eltern oder die der älteren Geschwister. Spätestens jetzt stellte ich fest, dass nichts so lief wie gedacht. Also schrieb ich an eben diese Adressen, dass sie neue, andere Adressen bräuchten, an denen man auf Anhieb erkennen kann, um wen es sich eigentlich handelt, man unterrichte sie schließlich nicht als einzige. Auch wollte ich mit den Schülern selbst kommunizieren und nicht mit deren Eltern oder Geschwistern.

Allein dafür saß jeweils sieben (!) Stunden pro Tag an meinem Schreibtisch und es dauerte mehrere Tage, bis ich dann tatsächlich, bis auf wenige Ausnahmen, alle E-Mail-Adressen der SuS meiner Klasse hatte.

Endlich konnte der Online-Unterricht beginnen! Frohen Mutes blätterte ich in den Schulbüchern, stellte Aufgabenformate zusammen und sendete diese den SuS via E-Mail zu. Auch lernte ich PDF-Dateien zu erstellen und ließ diese auf die Homepage unserer Schule laden – auch, damit jeder Außenstehende sehen konnte, wie fleißig wir an unserer Schule seien und wie wir uns kümmern. Wir wollten schließlich nicht als Homeoffice-faul gelten.

Mich an meine Schulzeit erinnernd, nahm ich selbstverständlich an, die SuS würden gespannt und erwartungsfroh vor ihren Computern sitzen und nur auf ein Lebenszeichen von ihren Lehrern warten – waren wir doch wohl der einzige Kontakt zur Schule. Einige SuS machten dies tatsächlich und schnell kamen die erledigten Aufgaben zurück. Doch die Mehrheit tat so, als gäbe es sie nicht mehr und wären vom Erdball verschwunden. Bei denen rief ich dann zu Hause an, worauf die Eltern, Geschwister oder auch Großeltern Unterstützung versprachen. Tatsächlich tat sich nicht viel und spätere Versuche, dort jemanden wieder zu erreichen, schlugen fehl. Eine Schülerin weilte sogar bei ihrer Tante im Urlaub außerhalb und war somit nicht mehr zu erreichen – bis in die Sommerferien.

Ein Lichtblick

Der Cornelsen Verlag bot an, seine e-books für die SuS kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Da viele unserer SuS ihre Schulbücher nun, wie der Name ja auch sagt, in der Schule ließen, war ich von diesem Angebot begeistert und machte mich daran, mir/uns die Wege für den weiteren Online-Unterricht dahingehend zu erschließen. Ich erstellte Tabellen, notierte Codes, machte Screenshots. Alles hat geklappt und ich begann, die E-Mails an die SuS vorzubereiten, in denen ich ihnen nun auch Aufgaben im Lehrbuch erteilen konnte. Noch beim Schreiben der E-Mails beschlich mich das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmen würde. Ich schrieb, doch merkte, dass meine Finger zwar tippten, doch meine Gedanken abschweiften, in eine Richtung, die nichts Gutes bedeuten konnte. Bis ich auf das Problem endlich kam: Die Schüler haben ja gar nicht alle einen Computer und e-book mit Handy zu öffnen, das geht ja nicht (zumindest nicht immer)! Von den mehr als 40 SuS haben nur etwa zehn einen eigenen Computer zu Hause; weitere zehn durften den einen „Familiencomputer“ nutzen. Das war es dann auch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Auch nicht damit, dass nicht alle SuS ein Handy haben und demzufolge die von mir verschickten E-Mails gar nicht abrufen können.

Die Idee mit den e-books war also suboptimal und so suchte ich nach diversen anderen, bloß nicht langweiligen, Möglichkeiten, um die SuS sinnvoll und lehrreich zu beschäftigen; ich ließ sie verschiedene Apps aus dem Bereich Bildung auf ihre Handys laden, nutzte kleinere Filme, die sie sich im Internet anschauen konnten und konzipierte dazu Aufgaben. Der Großteil der SuS kam damit zurecht und schickte mir die Ergebnisse – weitestgehend termingerecht – via E-Mail oder als Screenshot mit dem Handy an mich zurück.

Auch Firmen, die sich auf Online-Bildung spezialisiert haben, entwickelten neue Wege. Unser IT-Kollege hat uns diverse Möglichkeiten offeriert, mit den SuS in einen tatsächlichen Online-Unterricht zu kommen. Diese Möglichkeit wollte ich ebenfalls nutzen, doch scheiterte dies an der fehlenden digitalen Kompetenz unserer SuS sowie an fehlenden Geräten. Die Anmeldung auf den Lernplattformen zeigte sich für die meisten SuS alls schwierig. Obwohl ihnen die einzelnen Schritte dazu per Foto und etwas Text zugeschickt wurden, lasen die Schüler diese Anweisungen nicht oder nur ungenau. So tauschten sie zum Beispiel die einmalig zu verwendenden personalisierten Codes untereinander aus und kamen damit nicht auf die jeweilige Plattform. Der Versuch, die entsprechenden Lernplattformen tatsächlich zu nutzen, scheiterte also an den Realien. Zugleich konnten nicht alle SuS bereit, sich für den Online-Unterricht zu „erwärmen“. Auch SuS, die im Präsenzunterricht in der Schule durch gute Mitarbeit auffielen, leisteten von Zuhause aus wenig bis gar nichts. Sie waren im häuslichen Alltag angekommen: Kaum jemand dort fragt anscheinend nach den Schulaufgaben oder setzt eine regelmäßige Zeit für das tägliche Online-Lernen fest, oder achtet gar auf die Einhaltung der Schulpflicht. Kaum ein Schüler saß am Morgen oder Vormittag am Schreibtisch, welchen die Meisten im Übrigen gar nicht haben, um erteilte Aufgaben zu erledigen. Viele Ergebnisse bekam ich spät am Abend oder teilweise sogar erst nach Mitternacht.

Fragen über Fragen

Der durch den Lockdown ausgelöste große Schreck und die Erkenntnis der weitflächig fehlenden Digitalkompetenz an den Schulen führten zu eiligen Digitalpakten sowie zahlreichen Versprechen, dies zu bessern. Die Schulen sollen zum Beispiel bis Weihnachten Laptops bekommen; wir bräuchten sie jetzt, damit wir unsere SuS dahingehend einweisen und in Anfängen die Laptop-Arbeit in den laufenden Unterricht integrieren können. Eine einmalige Nutzung macht dabei wenig Sinn, denn es braucht Regelmäßigkeit im Umgang damit. Dieses Schuljahr nun sollen alle SuS unserer Schule einheitliche E-Mail-Adressen bekommen. Dafür müssen ihre Eltern eine Datenschutzerklärung unterschreiben, damit wir dann mithilfe von Teams online arbeiten können. Jede Schule erstellt eine eigne Erklärung. Die Frage ist nur: Wer soll dies machen. Der besagte IT-Kollege? Dieser hat sie nun für unsere Schule erstellt. Bis alle Erklärungen eingesammelt sind, vergeht dann allerdings wieder Zeit. Es darf kein Schüler angemeldet werden, solange die Unterschrift der Eltern fehlt.

Vielleicht schaffen wir es bis Weihnachten tatsächlich, dass alle unserer SuS angemeldet sind, rechtzeitig zu den versprochenen Laptops. Danach geht die Arbeit weiter: Wer soll diese Laptops einrichten, konfigurieren und die benötigten Programme laden? Bekommen die Schulen kompetente Mitarbeiter der liefernden Firmen oder soll das unser IT-Kollege machen, der auch noch nebenbei selbst unterrichtet? Wie sieht das mit der IT-Fortbildung der KollegInnen aus? Bis jetzt machen wir dies entweder im Selbststudium, oder es finden sich nette Kollegen, die sich in ihrer Freizeit bereit erklären, dies zu tun.

Ist das der Weg, die Schulen für das digitale Zeitalter, in dem wir uns längst befinden, zu rüsten und bereit zu machen?

Text: Ada M. Hipp