Corona verändert uns

Corona verändert uns, unsere Wahrnehmung, unser Verhalten, unseren Bezug zu moderner Kommunikationstechnik

Jeder von uns kann zurzeit feststellen, dass wir sowohl im Arbeitsleben wie auch im privaten Bereich die technischen Kommunikationstools verstärkt nutzen. Wir passen uns an, die aktuelle Corona Krise forciert diesen Einsatz und verändert unser Verhalten prinzipiell. Präsenztreffen sind nur eingeschränkt möglich, in Konkurrenz dazu treten Videokonferenztools. Wie werden sich diese Veränderungen auswirken? Was müssen wir tun? Wie sieht unsere zukünftige Alltäglichkeit aus? Wie können wir diese emotional und motivational ausgestalten und mit welchen Auslösern versehen, wenn die direkte Face-to-Face-Kommunikation wegfällt.

Szenario Kurzinformationsdienste

In dieser Zeit der Corona-Einschränkungen nutzen wir alle vermehrt unsere Computer für die Kommunikation und unsere Handys mit den bekannten Tools wie WhatsApp oder anderen. Der Rückzug aus der direkten Face-to-Face-Kommunikation fokussiert uns mehr auf uns selbst. Natürlich schicken wir mehr Informationen als sonst an unsere Bekannten und Verwandten, jedoch ohne den nonverbalen Kommunikationsaspekten der bisher üblichen körperlichen Nähe zu unterliegen. Ist das nun Befreiung, führt das zu egomanischen Kommunikationsattacken, zu einem hemmungslosen Ausleben individueller Besserwisserei? Reden wir womöglich in einem solchen System permanent aneinander vorbei, weil wir uns zu sehr auf uns selbst konzentrieren? Verlieren wir generelle Kompetenzen der gegenseitigen Einschätzungen und qualifizierter Wahrnehmung des anderen? Verlieren wir womöglich Grundsätzliches und verändert dies unseren Umgang mit Anderen und der Welt? Hier wird jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht haben.

Sicherlich reduziert sich die Nutzung von Tools wie WhatsApp in Corona-Zeiten nicht auf die oben genannten Szenarien. Jedoch können wir allgemein beobachten, dass die Zuwendungen zu diesen Medien deutlich zunehmen. Damit bestimmen auch die engen technischen Nutzungsmöglichkeiten immer dominanter den Ausdrucksraum unserer gelebten Kommunikation. Reduktion und Neukonfiguration der Gestaltungsräume und Gestaltungsinhalte und deren technische Transferform erfordern tiefgreifende Anpassungen des Denkens, Planens und Handelns.

Szenario Krankenhaus

Die Problematik ist jedoch umfassender. Die digitalen Verkürzungstendenzen haben wir schon länger in den technischen Trägern sozialer und medialer Kommunikation. Hinzu kommen aktuell breit angelegte kommunikative Reduktionsprozesse in unseren aktuellen Kommunikationssituationen. Ein Beispiel ist der Umgang mit Corona-Patienten im Krankenhaus. Auf allen Seiten der Beteiligten kann man von einer fast vollständigen Gesichtslosigkeit sprechen, es wird vermummt – und damit nur noch sprachlich – kommuniziert. Nonverbale Rückkopplungskommunikation tritt zurück, da eine Interpretation des Gesichtsausdruckes vollständig fehlt und die originale Körperlichkeit durch Schutzanzüge verborgen bleibt. Womöglich kann hier und da die Erinnerung die visuellen Lücken füllen, zumindest bei den Kontakten mit Bekannten.

Diese kommunikative und emotionale Isolation kann erhebliche psychische Folgen haben. Durch die Krankheit auch psychisch unter Druck gesetzt, fehlt die sonst tröstende und helfende menschliche Nähe mit ihrer Direktheit und Intimität. Beides – Krankheit und das Alleingelassen sein – wirkt sich so noch intensiver auf die Menschen aus. Da helfen auch technische Mittel wie Skype nur bedingt.

Szenario Alltäglichkeit

In unserem allgemeinen Alltag gilt derzeit „Abstand halten!“ sowie die (zumindest) teilweise Vermummung im Mittelpunkt. Ein eindeutiges Nebeneinander, und kein Miteinander mehr. Auch hier beobachten wir den Rückzug in ein kontrolliertes, autarkes und isoliertes Kleingruppenmodell. Ein Raum, in dem man die Masken abnehmen kann und wo weitgehend die normalen Regeln gelten und man sich in menschlicher Körperlichkeit erkennt und zuwenden kann. Anders die vielen technischen Versuche, eine Rückgewinnung direkter menschlicher Kommunikation über den Einsatz von Echtzeit-Videokonferenzen, Online-Plattformen, diverser Strukturen und vieler anderer Server- und App-basierter Systemen zu realisieren. Auch hier sind wir – abgesehen von all den technischen Problemen – mit neuen Ansätzen kommunikativer Strategien konfrontiert. Diese neuen Ansätze werden viele Elemente naher körperlicher Präsenz teilweise verhindern oder aber zumindest neu definieren – Abstandsregeln, Masken, und weitere Mittel werden dafür sorgen.

Der Entzug von Nähe und dem vertrauten, unverhüllten Miteinander sorgt für psychischen Stress. Damit wird sich die Corona-Krise weit in die kommunikativen Alltagsrituale und Routinen auswirken und das in allen Bereichen wie Wirtschaft, Gesundheit, Politik. Je länger diese Krise andauern wird, desto intensiver werden diese neuen Verhaltensformen von den Menschen verinnerlicht. Wenn man dann noch von dem einen oder anderen Sachverständigen hört, dass es vielleicht nicht auf absehbare Zeit zu einem Durchbruch in der Impfstoffforschung in Sachen Covid 19 kommen werde, dann werden wir uns intensiver mit diesen Entwicklungen beschäftigen müssen, um unser Gemeinwesen und deren Zusammenhalt zu bewahren und deren Kommunikationssysteme neu zu definieren.

Wie geht es weiter?

Wir müssen uns auf die Möglichkeiten solcher Systeme einstellen, unsere Konzepte neu denken und diese auf die verfügbaren Optionen der Technologien zuschneiden. Wir müssen unsere Distanz zu dem medialen Einsatz technischer Tools bewahren und gleichzeitig flexibel genug sein, die Nutzung derselben technisch optimal zu realisieren. Die Distanz ist für eine Verortung der Auswirkung der technischen Tools relevant. Es geht auch darum, konsequent technische Verbesserungen zu entwickeln, um eine Annäherung an das natürliche menschliche Kommunikationsbedürfnis zu erreichen. Wir sollten bestrebt sein, unsere reichhaltigen und umfangreichen Fähigkeiten des Denkens, des Ausdrucks, der Beschreibung, des Diskurses auch digital zu ermöglichen. Wir sollten uns nicht abschrecken lassen von minimalisierten Kommunikationstools und unzureichenden Bildübertragungssystemen und Onlineplattformen und uns vielmehr fragen, wie es besser weitergehen kann. Wir müssen aber auch im Rahmen der jeweils notwendigen Abstands- und Maskenregeln nach Möglichkeiten suchen, Nähe und Intimität herzustellen. Wir müssen hier die Grenzen des Möglichen entdecken und vielleicht die Indikatoren von Nähe neu justieren. Vielleicht finden wir neue Verfahren und Konstrukte, Emotionalität und Motivation auszulösen, die in ihren Wirkungen dem alten Vor-Corona-Verhalten gleichkommt. Letztlich unterlagen Gesellschaftsmodelle schon immer einem Wandel. Mal sehen, wo uns diese Krise hinführt und was sie an Kreativität freisetzt.

Autor: Klaus Henning

01. 07. 2020